Deutsche Mutter, bist du bereit.
Der Lebensborn und seine Kinder

Erweiterte Nachauflage 2010
Aufbau Taschenbuch Verlag - ISBN 978-3-7466

Am Beispiel eines Lebensborn-Heims analysiert Dorothee Schmitz-Köster Arbeitsweise, Ideologie und Alltag der SS-Organisation – und setzt sich mit dem Mythos von „nationalsozialistischen Zuchtanstalten“ auseinander. Sie berichtet von Frauen, die im Lebensborn entbunden oder gearbeitet haben. Und sie erzählt von Menschen, die dort auf die Welt kamen: unehelich Geborene, deren Väter geheim gehalten wurden, „Norweger-Kinder“, die zuerst in Deutschland und nach dem Krieg in Schweden landeten, Lebensborn-Kinder, die in der DDR aufwuchsen. Ihre Biografien zeigen, wie weit Lebensborn in die Gegenwart hinein wirkt. Denn viele mussten erst lange recherchieren, bis sie wussten, wer ihr Vater ist, wo sie geboren wurden, was mit ihnen geschehen ist.





Rezensionen

Dorothee Schmitz-Köster: „Deutsche Mutter, bist du bereit…“ Der Lebensborn und seine Kinder, Aufbau taschenbuch, 410 Seiten, € 9.95 - Ein Buchtipp von Gudrun Boch
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Von den grauenvollen rassenideologischen Verordnungen und Einrichtungen der Nationalsozialisten gehört der Lebensborn zu den harmloseren und ist zugleich die verkannteste. Noch immer evoziert das Wort die Vorstellung von gezielter Zeugung reinrassiger Arier in dafür bereitgestellten Zuchtanstalten. Dieses Missverständnis aus der Welt zu räumen ist Dorothee Schmitz-Köster seit Jahren ein großes Anliegen. Der historischen Wahrheit gerecht zu werden ist das eine, wichtiger ist es der Autorin allerdings den Menschen gerecht zu werden, die mit dem Lebensborn zu tun hatten, vor allem den dort geborenen Männer und Frauen, die unter dem Stigma ihrer Herkunft leiden, soweit sie denn ihrer Herkunft überhaupt gewiss geworden sind.
Dorothee Schmitz Köster hat ihre Studie auf eine der insgesamt neun in Deutschland befindlichen Lebensborn Einrichtungen fokussiert, auf das in der Nähe von Bremen gelegenen Heim Friesland auf Gut Hohehorst.
Wer sind die Lebensborn Kinder? Wer ihre leiblichen, wer ihre Adoptiveltern? Wie waren die Lebensborn-Einrichtungen organisiert und wie prägten sie das spätere Leben der Betroffenen?
Diesen und vielen weiteren Fragen geht Dorothee Schmitz-Köster in allen denkbaren Details nach. Sie erzählt viele Geschichten, Geschichten wie die von Erika B., einer jungen Medizinerin, die 1939 schwanger wurde, weder verheiratet noch fest liiert war, weshalb niemand von der Schwangerschaft erfahren durfte Wäre sie nicht von einer Studienkollegin auf den Lebensborn aufmerksam gemacht worden, hätte sie das Kind wahrscheinlich abgetrieben, doch es kam in Hohehorst zur Welt. Erika B. mit Ariernachweis und Gesundheitszeugnis für sich und den Kindsvater war die klassische Lebensborn-Mutter. Frauen wie ihr einen anonymen Schutzraum für die Entbindung ihrer Kinder zu bieten, vorausgesetzt beide Eltern erfüllten die erbbiologischen Bedingungen war das oberste Ziel des 1935 auf Weisung Himmlers gegründeten Lebensborn: Rettung arischen Blutes statt der zigtausendfach praktizierten Abtreibungen.
Dorothee Schmitz-Köster hat sich aller denkbaren Quellen bedient, um zu veranschaulichen wie der Lebensborn organisiert war, wer dort lebte und arbeitete, vom Gärtner bis zu Hebamme und Krankenschwester, wer gebar und wer geboren wurde. Dabei gelingt es der Autorin niemanden zu diffamieren, dem der Lebensborn Schutz oder Arbeit gegeben hat. Und zugleich verweist sie auf den Rassenwahn, der hinter der Einrichtung stand, pervers und unmenschlich. Während Soldaten an der Front verheizt, Juden Roma und Sinti millionenfach ermordet wurden, sollte im Lebensborn arisches Erbgut bewahrt und vermehrt werden. Am Schrecklichsten traf es Kinder, die aus den von Deutschen besetzten Gebieten in die Lebensborn Heime oder zu nationalsozialistischen Adoptiveltern verschleppt wurden. Unmenschlich auch, wie mit Kindern verfahren wurde, die norwegische Mütter und deutsche Soldatenväter hatten, Kinder, an deren Zeugung der SS besonders viel gelegen hatte. Nach dem Ende des Naziterrors war die Existenz dieser Kinder theoretisch sinnlos geworden, aber praktisch mussten sie versorgt und untergebracht werden Wie Postpakete wurden sie von A nach B und wieder zurück geschickt, schreibt die Autorin.. Den vielschichtigen, umfangreichen Stoff hat sie so übersichtlich strukturiert und mit so viel Empathie für die Kinder des Lebensborn geschrieben, dass man dieses Kapitel nationalsozialistischer Wirklichkeit nicht vergisst.
Ein bewegendes Buch und zugleich ein historisches Dokument, von nachhaltiger Bedeutung auch für unsere Gegenwart, die Gegenwart der Retortenbabies und der Reproduktionsmedizin, wie Dorothee Schmitz-Köster betont:

O-Ton Schmitz-Köster

Radio Bremen/Nordwestradio 21.01.2011





Lesungen

09.11.2010 - Buchvorstellung in der Stadtbibliothek Bremen

15.11.2010 - Buchvorstellung im Gymnasium Parsberg

19.11.2010 - Buchvorstellung im Gedenkort "Baracke Wilhelmine" in Schwanewede bei Bremen

23.01.2011 - Buchvorstellung in Hohehorst, dem ehemaligen Lebensborn-Heim "Friesland" bei Bremen

15.02.2011 - Buchvorstellung in der "Topographie des Terrors" in Berlin

19.02.2011 - Vortrag "Lebensborn - Lebenslang? Vom schwierigen Erbe der vermeintlichen Elitekinder" im Rahmen des Workshops "Der Lebensborn - Mythos und Realität" im Besucherzentrum der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück