Einmal im Jahr wird die Herde in der Arena zusammen getrieben, um die einjährigen Hengste herauszufischen ©dsk


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Deutschland 1: Merfelder Bruch
Die einzige Wildpferdeherde Europas
 

Plattes Land, Wiesen, Felder und kleine Waldstücke, ab und zu ein Bauernhof oder ein Dorf mit blankgeschrubbten Backsteinhäusern – tiefste münsterländische Provinz, der auf den ersten Blick nicht viel abzugewinnen ist. Dabei ist es ausgerechnet der Beschaffenheit dieser Landschaft zu verdanken, dass hier ein einmaliges „Naturdenkmal“ zu bewundern ist: Die Dülmener Wildpferde, deren Geschichte ins tiefe Mittelalter zurückreicht. Friederike Rövekamp, ihres Zeichens Forstoberinspektorin auf den Gütern des Herzogs von Croy,bringt mich zu den Tieren.

Take 1
Pferde sind sehr neugierig. Also das ist ganz typisch. Pferde sind immer hin und hergerissen zwischen Angst und Neugier. Ich müsste jetzt nur einen Schritt auf sie zumachen ... (macht es) ... dann sind sie weg.
Aber nur kurz!
Nur ... sie müssen Energie sparen, sie sind sehr faul, und sie gehen immer nur so weit wie nötig.
Können Sie das jetzt anfassen?
Ich glaub nicht. Da müssen wir stehen bleiben. Also wenn ich drauf zugehe, dann ists aus. Manchmal hat man Glück, wenn man stehen bleibt.

Wir bleiben stehen, mitten in diesem sumpfigen, niedrigen Wald aus Birken, Erlen und Fichten, Friederike Rövekamp und ich. Denn vor uns, neben uns, hinter uns stehen Pferde, einen Meter, zwei Meter, fünf Meter entfernt. Kleine graue Tiere mit langem Winterfell, kräftigen Leibern, langen schwarzen Mähnen und Schweifen – und einem so genannten Aalstrich entlang der Wirbelsäule.

Es sind die Dülmener Wildpferde, zu denen mich die Försterin an diesem Morgen geführt hat. Und während ich meine Fragen stelle und sie erzählt, kommen die Tiere langsam näher, die Ohren gespitzt, den Hals vorgestreckt, die Nüstern gebläht.

Take 2 
... jetzt haben wir vielleicht Glück und der erkundet das Mikrophon ... ich glaube, den könnte ich jetzt auch ... anfassen, anfassen. Aber das ist, mach ich eigentlich nicht und mit Besuchergruppen auch nicht, - weil die sollen ja eigentlich keinen Kontakt so zu Menschen bekommen.
Aber der steht jetzt wirklich 20 cm vor uns!
Der steht jetzt 20 cm vor uns und erkundet uns, das sieht man auch an den Ohren, - das ist so ne typische neugierige Kennenlern-Stellung: Wer bist du?
Also hoch aufgerichtet und spitz nach vorne!
Nach vorne, genau. Und das ist seine Familie, die traut sich hinterher.
Jetzt sind wir gleich umzingelt, gleich.
Jetzt sind wir gleich umzingelt.
Ist das nicht gefährlich?
Haben Sie Angst? LACHT Nee. Eigentlich nicht, - ist ein Fluchttier. Warum sollen die angreifen? Wenn ich sie nicht unnötig erschrecke, die sich nicht bedroht fühlen. Ich hab eigentlich Angst vor Pferden, aber vor diesen nicht. Die sind für mich mehr Wildtier als Pferd. LACHT

Dass wir den Pferden so nah kommen würden, hätte ich mir nicht träumen lassen. Eins beginnt jetzt sogar, an meiner Kapuze zu knabbern, ein anderes schnuppert am Mikrophon, das ich ihm hinstrecke ... Dass wir sprechen, stört sie nicht - und Friederike Rövekamp ihrerseits lässt sich von den Tieren nicht in ihrem kleinen historischen Exkurs stören. Schließlich muss die Frage geklärt werden, warum ausgerechnet die Wildpferde im Merfelder Bruch, in der Nähe des münsterländischen Städtchens Dülmen überlebt haben, während die anderen Wildpferde, die es in Westfalen einmal gegeben hat, verschwunden sind, vor mehr als 250 Jahren. Es wurde damals einfach zu eng.

Take 3
Mit zunehmender Besiedlung wurde es nämlich schwierig, weil die Pferde, ja weil Wald und Wiese knapper wurde, auf die Getreidefelder der Bauern gingen und dann gabs Interessenskonflikte, dass man gesagt hat, einer muss weichen, und das waren dann die Pferde.

Und das Merfelder Bruch, wo wir jetzt hier stehen, ist halt Moorgebiet gewesen und man konnte nichts anbauen. Und deshalb hat es diesen Interessenskonflikt nicht gegeben und die Pferde haben hier überlebt und sind im Grunde durch Zufälle wieder entdeckt worden, vor 150 Jahren. 

Damals gab es eine Agrarreform. Das Merfelder Moorgebiet wurde den Herzögen von Croy zugesprochen – und die entdeckten ihr Herz für die Wildpferde, von denen gerade noch 20 Tiere existierten. Sie zäunten das Gelände großräumig ein, sorgten für bessere Weideflächen. Und tatsächlich wuchs die Herde langsam. Heute, 150 Jahre später, leben zwischen 350 und 400 Pferde im Merfelder Bruch. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Denn die Tiere sind nach wie vor sich selbst überlassen.

Take 4
Sie sind hier draußen frei, also sie werden nicht zugefüttert, nur in extremen Wintern, es kommt kein Tierarzt hier hin, sie haben keinen Stall, also sie leben hier wirklich auf sich gestellt. Und die Natur entscheidet, und das ist auch Sinn der ganzen Sache, wer überlebt und wer überlebt nicht. Also wer ist so gut angepasst, dass er es schafft hier draußen, und nur der soll sich auch fortpflanzen. Genetisch gesehen sind sie eben nicht mehr reinrassig wild, weil sich im Laufe der Zeit auch Hauspferde immer eingemischt haben, man dass ja zum Teil sogar bewusst gesteuert hat, - um die Leistungsfähigkeit zu verbessern.

Aber so ganz frei ist dieses Leben nun doch nicht. In harten Wintern gibt’s Heu – sonst würden die Pferde die Bäume auffressen. Ist ein Tier schwer verletzt oder krank, gibt es schon einmal einen Gnadenschuss. Kadaver werden aus dem Gelände herausgeholt - wenn der Fuchs nicht schneller ist. Aber das hustende Pferd, das uns über den Weg läuft, muss alleine zurechtkommen.

Take 5
Hat Husten und sieht auch sehr mager aus. Also der wird’s schwer haben, diesen Winter. Man sieht, die Knochen gucken so ein bisschen vor, ist auch so nicht gut drauf. Muss man gucken.
Hustet ... Hustet auch. - Stoßen die anderen Tiere ein krankes Pferd aus?
Ja. Pferde sind dann auch ich sag mal asozial. Aber wirklich wenn’s gar nicht mehr geht. Und es ist so beidseitig: Die Pferde stoßen es aus, aber sterbende Tiere werden zu Einzelgängern. Also wenn man ein Tier weit abseits von der Herde irgendwo im Wald sieht, das rumläuft, ist immer ein schlechtes Zeichen.

Und noch etwas kontrolliert der Mensch: die Fortpflanzung. Die Dülmener Herde besteht nur aus Stuten und Jungtieren. Der dazu gehörenden Leit- und Deckhengst – manchmal ist es ein Tarpan, ein rückgezüchtetes Wildpferd aus Polen, manchmal ein Hengst aus der Dülmener Herde – lebt abgetrennt. Nur im Frühling darf er für 4 bis 6 Wochen zu seinem Harem, um Fohlen zu zeugen. 70, 80 schafft er in dieser Zeit, und mehr soll er auch nicht schaffen, denn mehr Tiere verkraftet das 350 Hektar große Gelände nicht. Außerdem werden die männlichen Fohlen nach einem Jahr in Freiheit aus der Herde herausgefangen.

Take 6
Mehrere Hengste würden sich halt bekriegen, und durch die Umzäunung des Gebietes ist es halt nicht möglich, dass der Verlierer weglaufen kann. Deswegen müssen wir eben jedes Jahr die Hengstfohlen wegfangen, damit es keine Verletzungen gibt ...

Am letzten Samstag im Mai wird die ganze Herde zusammengetrieben und in einer Arena vor 20 000 Zuschauern - sortiert. In einer Staubwolke galoppieren die knapp 400 Tiere ein, laufen ein paar Mal im Kreis ... Aber dann bleiben die ersten auch schon stehen und beginnen – zu grasen.

Take 7
Ich glaube, die wissen ganz genau, was wir von denen wollen. Wenn da Bierstände stehen und die Fänger in ihren blauen Kitteln und roten Halstüchern auf sie zukommen. Da bin ich mir sicher.

Ich habe mich direkt an der Bande postiert, um alles genau zu sehen und zu hören. Dabei bleibt vom Zauber meiner ersten Begegnung mit den Tieren wenig übrig. Denn der Fang ist eine harte Sache. Zuerst sieht alles ganz harmlos aus: Die Pferdefänger kommen zu Fuß in die Arena, mit leeren Händen. Dann gehen 10, 12 Männer mit ausgebreiteten Armen auf einige Tiere zu, drängen sie in eine Ecke und versuchen, die kleinen Hengste auszumachen. Kaum ist einer entdeckt, packt ein Fänger das Tier um den Hals – wenn es ihn lässt - und bugsiert es aus der Gruppe heraus in die Arena.

Und nun beginnt der Kampf. Mit aller Kraft versucht das junge Tier den Mann abschütteln. Es bäumt sich auf, versucht zu rennen, schüttelt sich ... aber mittlerweile hat ein zweiter Mann es am Schwanz gepackt, ein dritter fasst vorne mit an, ein vierter drückt seitlich gegen das Hinterteil und versucht das Tier umzuwerfen.
Natürlich bekommen auch die Männer einiges ab: Sie müssen rennen, werden hinterhergeschleift, beiseite geschubst, umgeworfen. Aber zum Schluss bleiben sie die Sieger. Zu viert, zu fünft liegen sie auf dem einjährigen Tier, solange, bis der erste dem Tier einen Strick als Halfter über den Kopf gestreift hat. Jetzt lassen die Männer los, das Tier springt auf – aber sein erster Fänger zieht es am Strick zum Ausgang, wo ihm das Brandzeichen verpasst wird. Und so geht es an diesem Tag 47 mal – 47 junge Hengste werden aus der Herde herausgefangen.

Ich finde, der Wildpferdefang mag hart anmuten, aber er ist ein Kinderspiel gegen den Stress und die Härte, die die Pferde eigentlich in freier Wildbahn hätten, wenn wir auch noch Wölfe und Luchse und Bären hätten. Das ist hartes Leben. Nicht 2 Stunden im Jahr Wildpferdefang und der Rest des Jahres - auf der Wiese grasen. Ich denke, da entfremden wir uns auch zunehmend. Was ist artgerecht? Artgerecht ist auch manchmal bitter und grausam und tot.

Ein junger Hengst allerdings trickst alle aus. Er kann nämlich sieben Mal entwischen: Er durchbricht die Kette der Fänger, er schüttelt den Mann ab, der sich an seinen Hals klammert, er springt über einen 135 cm hohen Zaun ... Zum Schluss ist er ganz allein in der Arena, tänzelt graziös auf und ab, als würde er seinen Sieg auskosten – und versucht dann, den Zaun zu überwinden, der ihn von der Herde trennt. Da bestimmt der Herzog von Croy, dass der Hengst nicht verkauft wird wie seinen Brüder, sondern mit der Herde zurück ins freie Gelände laufen darf.

Ein paar Wochen später wird er dann doch gefangen: Er kommt unter Beobachtung – er scheint das Zeug zum Deckhengst zu haben.

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