Raubkinder: Endlich Anerkennung und Entschädigung
 

In Slowenien war der 3. September ein besonderer Tag. Da wurde an die „Vertreibung und Trennung von Eltern und Kindern“ erinnert, die 80 Jahre vorher von der deutschen Besatzungsmacht brutal durchgesetzt wurde, als so genannte „Vergeltungsaktion“ für den Widerstand der Partisanen. Aus diesem Anlass empfing Borut Pahor, der slowenische Präsident, Ingrid von Oelhafen und Ivan Acman. Die beiden gehören zu den Kindern, die damals ihrer slowenischen Familie gestohlen wurden. Ingrid war erst 9 Monate alt – und passte ins „Rasseschema“ der Nationalsozialisten. Sie wurde nach Deutschland verfrachtet, kam in ein Lebensborn-Heim und wurde später von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Erst mit 58 erfuhr sie, dass sie ein jugoslawisches „Banditenkind“ ist, wie es im NS-Jargon hieß. Aber dann dauerte es noch weitere Jahre, bis sie herausfand, woher sie kommt und wer ihre Eltern waren. Seitdem fährt sie immer wieder nach Slowenien, um Verwandte zu suchen, um Menschen zu treffen, denen dasselbe widerfahren ist.

Aber auch in Deutschland passiert was!

Barbara Paciorkiewicz – ein polnisches „Raubkind“ – war am 6. Oktober eingeladen, sich ins „Goldene Buch“ der Stadt Lemgo einzutragen. Die 84jährige hat sechs Kinderjahre in Lemgo verbracht, beim Lehrerehepaar Rossmann, das Barbara als „volksdeutsches“ Waisenkind aufgenommen hatte. Aber Barbara war nicht „volksdeutsch“ und auch kein Heimkind. Sie hatte bei ihrer Großmutter in Litzmannstadt gelebt – und diese Großmutter hatte nach dem Krieg nach der Enkelin gesucht. In Lemgo wurde sie gefunden und umgehend nach Polen zurücktransportiert. Dabei sprach sie kein Polnisch mehr – und wirklich willkommen war sie auch nicht. Ein schwerer Start für das 10jährige Mädchen.

Nach vielen Jahren gelang es den Rossmanns, Kontakt zu ihrer Pflegetochter herzustellen. Seitdem ist Barbara immer wieder nach Lemgo gefahren – und das macht sie bis heute. Weil sie sich mit der Stadt verbunden fühlt – und weil sie jungen und alten Menschen von ihrer Geschichte erzählen will. Als Beispiel, wohin Rassismus führen kann. Die kleine niedersächsische Stadt ehrt sie dafür!

Und Hermann Lüdeking hat es endlich geschafft! Er ist wie Barbara ein polnisches Raubkind, aber nie nach Polen zurückgekehrt, sondern in Deutschland bei den Pflegeeltern aufgewachsen, an die der Lebensborn ihn vermittelt hatte.
Seit Jahren kämpft der mittlerweile 86jährige Hermann dafür, dass Raubkinder eine Entschädigung vom deutschen Staat bekommen. Der damalige Finanzminister Schäuble hat ihn kalt zurückgewiesen (sein Schicksal sei ein allgemeines Kriegsfolgenschicksal), vor Gericht ist Hermann in mehreren Instanzen gescheitert. Jetzt endlich hat das Land Baden-Württemberg beschlossen, Raubkinder, die im Bundesland leben, zu entschädigen! Hier gehts zur Pressemeldung vom 30.11.2022

zurück zur Blog-Übersicht